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Die Stille nach dem letzten Ton

Frühjahrskonzert des Waldshuter Sinfonieorchesters Sinfonetzia im Kursaal versteht gespannte Erwartungen vollauf zu erfüllen

Bad Säckingen – Es ist die Stille, die ein besonderes Konzert kurz vor seinem Beginn ankündigt. Erwartungsvoll und gespannt liegt sie an diesem Freitagabend im Kursaal in Bad Säckingen über den Musikern. Martin Umrath spürt sie besonders, als er auf die Bühne kommt und zu seinem schwarz glänzenden Klavierflügel schreitet.

Als Solist im ersten Werk des Abends, dem bekannten „Krönungskonzert“ von Mozart, ruht das Augenmerk vieler Klassik-Liebhaber auf ihm. Behutsam liegen seine Finger auf der Klaviatur als die Streicher die ersten Takte spielen, leise Töne aneinanderreihen, die sich zu harmonischen Klangbergen auftürmen, um kurz vor dem Höhepunkt wieder zu zerfallen. Mehrere Passagen geht das so, bis sich Umrath plötzlich strafft, und dem Flügel Leben einhaucht. Es scheint, als würden seine Hände über die Tasten fliegen, sie minimal berühren, wenn er die Einwürfe der Violinen aufnimmt, sie variiert und wie einen Spielball zurückgibt. Zehn Finger? Unmöglich, so rasant sind die Klangkaskaden, die vom tiefsten A bis zum höchsten C reichen und am Gehör der Zuschauer vorbeirauschen. Mozart soll dieses Konzert sehr geschätzt haben. In diesem Sinne steht der Konzertbesucher ihm in nichts nach. Orgiastisch , wie ein Aufschrei, braust das Orchester voran. Die Grundlinie, die vorher als Orientierung diente, verschwimmt nun und einzelne Kadenzen enden abrupt, Trugschlüsse tun sich auf, zwischen denen immer wieder die zarten Noten von Umraths Flügel hervordringen und das Gespielte als Echo reflektieren. Unter dem Grollen der Pauken überschlagen die Tastenanschläge sich, spielen den Zuhörer an die Wand und lassen ihm im Finale den Atem stocken.

Frühjahrskonzert Sinfonetzia, Foto: Marcus SeuserDas zweite Stück des Abends findet ohne Umrath statt, ist deshalb weniger auf ein einzelnes Instrument fixiert. Felix Mendelssohn-Bartholdys erste Symphonie gefällt durch den starken Kontrast zwischen Streichern und Holzbläsern, die sich effektvoll in ihren Einsätzen gegenseitig antreiben, dann zusammen ansteigen und einen temporeichen Sog auftun, in dem nur noch die Cellospieler bestehen können. Opulent und schwer erhebt sich das Orchester aus seinem Strudel, wie Saum legt sich die weiche Melodie über das Gehör. Ganz ruhig gleitet die Musik in einer Woge durch den hohen Saal.

Es ist die Ruhe vor dem Sturm, der danach hereinbricht. Bedrohlich kündigen die Violinen den Schluss an, konzentrieren die gesamte Aufmerksamkeit des Publikums in einem Punkt, der den aufbrausenden, lautstarken Schlussakkord darstellt. Man hat das Gefühl, als könnte das Gehör eine solche Klangvarietät nicht aufnehmen, als wäre noch mehr zu spüren als die blanken Töne. Sekunden nach dem Ende klatscht niemand. Ein großartiges Konzert erkennt man an der Stille nach dem letzten Ton.

 

 

Artikel "Die Stille nach dem letzten Ton" von Marcus Seuser, erschienen in der Badische Zeitung am Mi, 21.04.2010 auf S.22